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Künstlertreffen

Litoměřice, 23. - 25. Oktober 2002

Das Treffen deutscher und tschechischer Künstler in Leitmeritz knüpfte thematisch und organisatorisch an eine ähnliche Begegnung im bayrischen Fockenfeld vor einem Jahr an. Beide Treffen wurden direkt vom Koordinierungsrat des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums mittels zweier seiner Mitglieder P. Prouza und T. Tomaschke und unter der Hilfe des tsch. Vorsitzenden Prof. Dr. Pick ausgerichtet.

Der ursprüngliche Termin des Treffens in Litoměřice war der 28.-30. September 2002. Die Veranstaltung  war bereits vorbereitet, die Teilnahmen bestätigt, die Flutkatastrophe Mitte September führte jedoch zu der nicht gerade leichten Entscheidung, das Treffen zu verschieben. Die Flut traf sowohl Litoměřice selbst als auch Dresden, aus dem mehrere deutsche Künstler eintreffen sollten.

Die Terminänderung wandelte auch das ursprüngliche Programm ab, das die tschechischen und deutschen Maler einbeziehen sollte, die zu der Zeit auf dem Salon der Bildenden Künste in L. austellten. Auch der geplante Besuch in Terezin musste abgesagt werden.

Andererseits gewann durch die Flut eine andere Veranstaltung an besonderer Bedeutung, die bemerkenswert seherisch vor einem Jahr in Fockenfeld konzipiert wurde. Dabei handelt es sich um das Projekt Elbe- der Fluss, der uns verbindet.
Aus Gründen der Terminverschiebung veränderte sich teilweise auch die Zusammensetzung des diesjährigen Künstlertreffens in L. Unter 30 tschechischen und deutschen Schriftstellern, Malern, Bildhauern, Photographen, Musikern und Theoretikern der Kunstwissenschaften überwiegten diesmal auf der deutschen Seite die Teilnehmer Sachsen. Dies beeinflusste auf unerwartete Weise auch die Seminar-Diskussion, bei der sich einige Themen aus dem innerdeutschen Blickpunkt als umstritten herausstellten, und nicht selten hatten die Teilnehmer aus der Tschechischen Republik und Sachsen ähnliche Standpunkte, die denen der Teilnehmer aus den alten Bundesländern widersprachen.

Das Treffen in Litoměřice begann am 23.10. abends mit der feierlichen Einweihung, verbunden mit einem Auftritt einer lokalen, qualitativ guten Jazz-Band. Darauf folgte ein informelles Zusammensitzen, bei dem man frei über die aktuellen tschechisch-deutschen Beziehungen sprach. Wieder bestätigte sich, dass ungenügende Informationen zu den beiderseitigen historischen Ereignissen viele Missverständnisse verursachen.
In diesem Zusammenhang wurde auf die relative Marginalität der Passagen zu gemeinsamen, häufig sehr fruchtbaren Jahrhunderten tschechisch-deutscher Wechselbeziehungen in den Schulbüchern für Geschichte hingewiesen. Es sollte betont werden, dass vor allem die deutschen Lehrbücher der Geschichte kläglich wenig das deutsch-tschechische Zusammenleben erwähnen.

Das eigentliche Fachseminar im Rahmen des Künstlertreffens in Litoměřice fand vor allem den gesamten zweiten Tag über, am 24.10. statt. Die Problematik einer Nationalkultur im Prozess der EU-Integration und der Globalisation wurde aus verschiedenen Blickwinkeln diskutiert. Wir waren uns in dem Standpunkt einig, dass während die Wirtschaft, aber immer deutlicher auch die Politik sich integrieren und internationalisieren, die Kultur und Kunst weiterhin ein Raum für nationale Traditionen und geistige Eigenarten bleibt und auch regionale, ethnographische Eigenheiten zu erhalten vermag.

Bei Vergleichen der finanziellen Unterstützung kultureller Aktivitäten seitens des Staates, befindet sich die deutsche Seite in vielerlei Hinsicht in einer besseren Situation als die tschechische, wo der materielle Beitrag des Staates im Bereich der Kultur und Kunst fast blamabel ist.

Lebendig diskutiert wurde die Frage der multikulurellen Gesellschaft, die naturgemäss die Integration und Globalisierung begleitet. Deutschland, das zu einem bedeutenden Anteil andere Kulturen wie z.B. die türkische, italienische, serbische und tamilische beheimatet, hat mit der Bildung multikultureller Beziehungen weit mehr und auch widersprüchliche Erfahrungen als die Tschechische Republik mit ihrer bekannten, rational nicht begründeten Furcht vor jeglichen fremden sozio-kulturellen Einflüssen.

Auch bei dem Treffen der Künstler in Litoměřice kam wieder der deutsch-tschechische Evergreen der Beneš-Dekrete zum Vorschein. Friedlich einigten wir uns fast einstimmig auf zwei Konstanten:

1. Schade, dass das tschechische Parlament in seiner frühjährlichen nationalen Begeisterung nicht einen Satz zu seiner Erklärung hinzufügte, der klar besagen würde, dass eine kollektive Schuld unangemessen sei und dass sich die Tschechen bei allen unschuldigen Opfern des Transfers entschuldigen.

2. Schade, dass die sudetendeutsche, respektive die bayrische Seite unnachgiebig im Zusammenhang mit den Dekreten ethische und moralische Fragen mit der rechtlichen oder sogar materiellen Thematik verbindet.

Der Abschluss des Seminars am Donnerstag war der Existenz der zeitgenössischen deutschen Minderheit in der Tschechischen Republik gewidmet, sowie den Lausitzer Sorben in den Bundesländern Sachsen und Brandenburg. Dort knüpften wir teilweise an die vorhergehenden Debatten des gesamten Koordinierungsrates in dieser Sache an.

Die Repräsentantin der deutschen Minderheit in der ČR, Frau D. Müller, brachte uns in einem umfassenden Vortrag die positiven und negativen  Aspekte der kultur-pädagogischen Aktivitäten dieser Minderheit näher. Angesichts des verlegten Termines waren die Vertreter der Lausiter Sorben entschuldigt, aber der Moderator des Seminars, Herr Prof. Pick, gab Auskunft über ihre Situation.

Am Ort der Veranstaltung des Treffens im Hotel Salva Guarda in Litoměřice fand dann am Donnerstag Abend unter reger Beteiligung der Öffentlichkeit ein spannendes Gespräch zum Thema: Erinnerung – ein Dilemma der mitteleuropäischen Literatur statt.
Unter der Moderation T. Kafkas diskutierte auf dem Podium eine wahrlich repräsentative Autoren-Gruppe – die letzte deutsch schreibende Prager Schriftstellerin L. Reinerová, die führende tschechische  Prosaschriftstellerin E. Kantůrková, der in Prag geborene Dichter und Übersetzer E. Osers und der bekannte Hamburger Publizist J. Serke.

Der Freitag Vormittag, 25. Oktober, war einer vielseitigen Diskussion zum Projekt Elbe gewidmet, das ein Mitglied des KORs, Herr T.Kraus übersetzte. Der Nachhall der jüngsten Flut äusserte sich  auch in den Kommentaren der anwesenden Experten tschechischer Institutionen der Wasserwirtschaft. Wir einigten uns unter anderem darauf, dass das Projekt Elbe zum Jahresjubiläum der Flut realisiert werden sollte.

Zum Abschluss des Künstler-Treffens in L. herrschte die Überzeugung vor, dass solche konkreten, im Programm zielgerichteten Aktionen zweifellos den zeitgenössischen tschechisch-deutschen  Dialog vertiefen.

Mit der Aussicht der in Vorbereitung stehenden Jahreskonferenz des deutsch-tschechischen Diskussionsforums im März nächsten Jahres in München, wo man umfassender über die gemeinsamen  kulturhistorischen Wurzeln sprechen sollte, konstatierten wir, dass gerade die gemeinsamen positiven historischen Grundlagen in beiden Völkern minimal reflektiert werden und dass auch die Künstler beiderseits zu diesem Thema nicht allzu viel beigetragen haben.

In diesem Zusammenhang befürworteten die Teilnehmer des Künstler-Treffens die Einladung einer grösseren Anzahl von Künstlern, Kulturhistorikern und auch Pädagogen aus Tschechien und der BRD zur Münchener Jahreskonferenz.

         Dr. Petr Prouza


Schloss Fockenfeld, 4. - 6. September 2001

Nach dem Beschluss des Koordinierungsrates des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums (KOR), als eigenes Projekt eine Deutsch-Tschechische Künstlerbegegnung im Rahmen des X. Festivals Mitte Europa durchzuführen, hat sich die Arbeitsgruppe mit Hr. Dr. Becher, Hr. Dr. Kraus und Hr. Dr. Prouza unter der Leitung von Kammersänger Prof. Thomas Thomaschke mit der Umsetzung des Projektes befasst.

Das Projekt wurde dank der finanziellen Unterstützung des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds realisiert und sah vor, maximal 20 deutsche und tschechische Künstler vor allem aus den Sparten Bildende Kunst und Musik (Komponisten) zu einem Gespräch einzuladen.

Die "Künstlerbegegnung" wurde vom 4. bis zum 6. September 2001 im Schloß Fockenfeld in Oberfranken - nur wenige Kilometer von der deutsch-tschechischen Grenze - durchgeführt. Sie war als ein selbständiges Projekt in den Rahmen des X. Festivals Mitte Europa gestellt, das vom 22. Juli bis zum 9. September grenzüberschreitend auf beiden Seiten der deutsch-tschechischen Grenze in 53 Städten und ländlichen Gemeinden stattfand.

Außer den bereits namentlich o.g. Mitgliedern des KOR nahmen an der Künstlerbegegnung sechs Komponisten, fünf bildende Künstler, zwei Publizisten, die Leiterin der Hans-Krása Stiftung Theresienstadt sowie ein Schauspieler und die Leiterin der tschechischen Seite des Festivals Mitte Europa teil. 30% der Gesprächsteilnehmer waren Künstler der jungen Generation.

Die kurzen Einführungsvorträge zu den einzelnen Themenkomplexen wurden von den Herren Dr. Becher, Dr. Kraus und Dr. Prouza übernommen. Die Gesprächsmoderation oblag Herrn Prof. Dr. Pick, dem tschechischen Ko-Vorsitzenden des KOR.

Den Gesprächskreis beschäftigten zunächst die aktuellen Fragen der Globalisierung und Amerikanisierung in der Kunst in Deutschland und Tschechien sowie in Europa.

Es wurde weiterhin hinterfragt, wie weit das historische kulturelle Geflecht zwischen Deutschen, Juden und Tschechen wirklich bestand. Man war sich einig, dass es historisch viele fruchtbare Verflechtungen aber auch ebenso viel künstlerische Eigenständigkeit gab. Heute sollte man die historischen Verflechtungen nicht wiederbeleben, sondern auf ihnen neu aufbauen.

In ihrer dritten Gesprächsrunde tauschten die Teilnehmer der Künstlerbegegnung ihre praktischen Erfahrungen mit Kulturförderung und Förderprogrammen in ihren Ländern und seitens der EU aus.

Während der dreitägigen Tagung erklangen Tonbeispiele von am Gespräch teilnehmenden Komponisten - hier beeindruckte vor allem das Werk der jungen tschechischen Komponistin Eremiášová.

Eine Filmvorführung über den Besuch einer Jugendgruppe in Theresienstadt (Erstsendung im ZDF im November) wurde Gegenstand einer sehr kritischen Diskussion.

Am Rande der Künstlerbegegnung besuchten die Teilnehmer die benachbarte Stiftsbasilika Waldsassen, die in ihrer Baugeschichte sehr anschaulich demonstrierte, welche fruchtbaren Resultate in den deutsch-tschechischen Verbindungen liegen können.

Im Resümee der Künstlerbegegnung ist festzustellen, dass Dialog, Erfahrungsaustausch und auch die gemeinsam entwickelten theoretischen Gedankenmodelle sehr praxisverbunden geführt und entwickelt wurden. Es entstanden konkrete Projektanregungen, wie z.B. eine Wallfahrt von Prag nach Konstanz auf den Spuren von Jan Hus, die Schaffung eines deutsch-tschechisch/polnischen Sendeplatzes bei "Arte", eine künstlerische Aktion auf dem Flusslauf der Elbe oder ein in verschiedenen Regionen durchzuführender tschechisch-deutscher Künstlersalon im Jahre 2002.

Die Teilnehmer der Künstlerbegegnung bezeichneten abschließend das Treffen ausnahmslos als eine fruchtbare Dialogbasis, die es in naher Zukunft unbedingt fortzuführen gilt.

Organisatorisch erwies sich die Einbindung in das Festival Mitte Europa als eine hervorragende Plattform.

Die Künstlerbegegnung ermöglichte vor allem neue Partner für den deutsch-tschechischen Dialog zu gewinnen und einzubinden sowie diese Partner für eigene deutsch-tschechische Projekte zu sensibilisieren.



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