Vielen Slawistischen Instituten im deutschsprachigen Raum und damit der Bohemistik als einer der Wege zur deutsch-tschechischer Verständigung drohen zunehmend folgenschwere Kürzungen, die in manchen Fällen bereits zu Schließungen geführt haben. Auch in der Tschechischen Republik sind die mit sinkenden Mitteln im Bereich der Hochschulbildung neue Herausforderungen an die Träger der Germanistik zu erwarten. Um eine gute Basis für weitere Handlungen zu schaffen, beschloss der Koordinierungsrat bei seiner Sitzung im September 2003 eine Bestandsaufnahme der Situation der deutschen Bohemistik und der Germanistik in Tschechien in Auftrag zu geben. Barbora Šrámková, Studentin an der Technischen Universität Berlin begann im Januar 2004 mit dieser Studie.
Der folgende Zwischenbericht lag im März 2004 vor. Die gesamte Studie wird nach der Sitzung des Koordinierungsrates am 17.9.2004 an dieser Stelle zum Herunterladen bereit gestellt werden.
Zwischenbericht zum Projekt „Bohemistik – Germanistik“
Barbora Šrámková Berlin, den 11. März 2004
Nach dem Unterzeichnen des Vertrags wurde mit dem Projekt Mitte Januar 2004 begonnen. In der ersten Phase der Erforschung habe ich für beide Teile der Studie eine Liste der Hochschulinstitute für Bohemistik, bzw. Germanistik zusammengestellt. Auf der tschechischen Seite habe ich mich hauptsächlich auf die Informationen des Ministeriums für Schulwesen gestützt und alle staatlichen Hochschulen und Universitäten auf die gesuchten Institute hin überprüft. Eine Liste der deutschen Institute für Slawistik, bzw. Bohemistik, habe ich mit dem Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz, unter Berücksichtigung der Informationen des Verbands der Hochschullehrer für Slawistik an den Hochschulen der Bundesrepublik Deutschland (VHS) erstellt. Beide Teile dieser Studie beruhen prinzipiell auf drei Arten des Informationserwerbs:
1. Fragebögen, die an alle Institute verschickt wurden. Ein Fragebogen richtet sich an die Leitung des Instituts, einer an die Studenten.
2. Informationen der einzelnen Institute im Internet.
3. Persönliche Kontaktaufnahme.
Die Lage der deutschen Bohemistik ist erwartungsgemäß weniger überschaubar und erfreulich als die der Germanistik in Tschechien. In der letzten Zeit wurde die Existenz vieler Slawistischen Institute im deutschsprachigen Raum bedroht und die Bohemistik ist von den Kürzungen stark getroffen. Angesichts dieser Situation dürfte der bisher niedrige Rücklauf auf unsere Umfrage nicht überraschen. Viele Slawistik Institute, bei denen der Schwerpunkt auf Russistik und Polonistik liegt, werden nicht gerne daran erinnert, dass die Bohemistik am ehesten den Kürzungen zum Opfer fällt. Einige Institute, wie z.B. in Saarbrücken, sehen zunächst leider „wenig Sinn, die entsprechenden Fragebögen auszufüllen, da der Studiengang Slawistik an der Universität eingestellt wird.“ Wir bemühen uns trotzdem, die Leitung dieser Institute für die erwünschte Zusammenarbeit zu gewinnen. Andere kleine Institute, die schon von den Kürzungen betroffen wurden, wie z.B. das Institut für Slawistik in Potsdam, sind sehr kooperativ und kamen mit einigen Anregungen und wichtigen Fragestellungen. Interessant ist z.B. die Idee einer verstärkten Zusammenarbeit mit Institutionen, wie z.B. die Deutsch-tschechische Gesellschaft in Frankfurt/Main, die sich vor allem mit der wirtschaftlichen und politischen Kooperation der beiden Länder beschäftigen, und die bisher auf die brisante Situation in der Slawistik/Bohemistik zu wenig reagierten. Die Aktuelle Situation wird schon von den Medien teilweise erfasst (siehe z.B. den Artikel von Christian Jostmann: „Siechtum einer Wissenschaft. Die Situation der Slawistik an den Unis wird allmählich trostlos“ im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, 1.März 2004.)
Die Lage an den größeren Slawistik-Instituten, wie z.B. in München oder Regensburg, sieht natürlich anders aus. Dr. Jan Jiroušek aus dem Institut für Slawische Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München und Vorsitzender der Gesellschaft für Bohemistik begrüßte das Projekt sehr und bot uns für dessen Präsentation das Publikations- und Diskussionsforum der GfB im Internet (www.resbohemica.org) an. Das Projekt wurde gleichzeitig bei dem 8. Bohemisten-Treffen in München (Collegium Carolinum) am 5.3.04 präsentiert.
Aus den bisherigen Erforschungen geht hervor, dass insbesondere an kleineren slawistischen Instituten eine wichtige Rolle den Tutoren der Robert Bosch Stiftung zukommt. Das Tutorenprogramm für tschechische Tutoren an den deutschen Hochschulen läuft seit 1998; insgesamt wurden bisher ca. 60 Tutoren aus Tschechien gefördert. Die Berichte über ihre Erfahrungen und Eindrücke an den deutschen Slawistik-Instituten sind eine wichtige Informationsquelle über die einzelnen Institute und ihre Lehre; sie stellen neben dem Gesichtspunkt der Institutsleitung und den Studenten eine dritte Perspektive dar. Die Bosch Stiftung erteilte kürzlich ihr Einverständnis zur Einsicht in diese Berichte, die im Deutschen Studentenwerk in Bonn aufbewahrt werden.
Was den zweiten Teil der Untersuchung betrifft (Germanistik in Tschechien), so nahm ich Kontakte zu allen philosophischen und pädagogischen Fakultäten, die über ein Germanistik-Institut verfügen. Darüber hinaus werden germanistische Studien noch an dem Institut für deutsche und österreichische Studien der Fakultät für Sozialwissenschaften an der Prager Karlsuniversität und an dem Institut für slawisch-germanische Studien der J.E. Purkyně Universität in Ústí nad Labem betrieben. Vereinzelt finden sich an einigen Universitäten Einrichtungen wie z.B. das Institut für angewandte Germanistik der Westböhmischen Universität Pilsen. In den meisten Fällen traf ich auf eine sehr zuvorkommende Reaktion seitens der Institutsleitung. Da das Ausfüllen des Formulars unter Umständen auch Recherchen im Institutsarchiv und weitere Zusammenarbeit mit dem Immatrikulationsbüro beansprucht, werden die Rückmeldungen nicht vor Ende März erwartet. Einige Institute habe ich persönlich besichtigt (bisher in Prag, Brünn und Pilsen), was für den Gesamteindruck sehr zuträglich ist. Als Ergänzung der Untersuchungen werde ich ebenfalls die Berichte der deutschen Lektoren der Bosch Stiftung auswerten, die an den meisten Universitäten in Tschechien seit Mitte der 90er Jahre tätig sind.
In dieser Phase des Projekts kann man die Asymmetrie der beiden Bereiche schon sehr gut erkennen. Die Bestandsaufnahme der deutschen Bohemistik scheint mir besonders wertvoll zu sein, denn auf diesem Gebiet sind neue Initiativen dringend notwendig, um Konsequenzen von Kürzungen der Bohemistik, ausgerechnet zu Zeiten der Aufnahme der Tschechischen Republik in die EU, entgegen zu wirken.
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